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Hudelimusik

Quelle: Einsiedler Anzeiger.

Erinnerungen an die volksmusikalische Vergangenheit im Hochtal von Einsiedeln und Ybrig


Unvergessliche «Hudeli-Musik»


An die reiche und weit zurückreichende volksmusikalische Tradition erinnert Kaspar Reichmuth-Marty ab dem Unteriberger Schwyzerhöfli in seinen «Erinnerungen», die er unserer Zeitung zur Verfügung stellte.


Vor über 100 Jahren regte sich in unserm Hochtal das «Stegreif-Musizieren». Vorab mit Streichinstrumenten, deshalb «Streich-Musiken» genannt. Im Klosterdorf und Umgebung schätzte man die Tanzmusiken: Feusi aus Euthal, Fuchs aus Einsiedeln, Reichmuth ab der Stöcken und Späni aus Studen. Die «Späni-Musiker» wohnten in Studen im Ort. Wendelin, ein Spross dieser Musik-Sippe, verliess Studen früh. In Gross züchtete und handelte er erfolgreich mit Vieh und wirtete an gleicher Stätte im Sennenhof.


Johann Fuchs: tonangebend


Über drei Jahrzehnte gab Johann Fuchs (1866–1929) in «Hudelimusik» den Ton an. Sein Vater Konrad und Grossvater Hannesseb (1814) musizierten als Streicher. Johann Fuchs (1866) besuchte geraume Zeit das Konservatorium in Zürich. Es gelang ihm, seine Tänze aufs Papier zu bringen. Später dann druckte und vertrieb das Musikhaus Meinrad Ochsner die «Hudelitänze» auch in Klavierausgabe. «Hudeli-Johann» wirtete von 1922 bis 1924 in der «Hofstatt». So trafen sich dort seine Musikfreunde von nah und fern. «Hudelimusik-Fans» waren auch die Gebrüder Füchslin Willi (1905–1977) und Albert (1906–1979) vom Grosser Sennenhof. Beide waren Viehzüchter und -händler, ehemals auf der «Mühlematt» des Fernando Kälin (ehemals auf dem Hotel «Pilgerhof», dem heutigen «Sihlsee»). Dazu gehörte unbedingt ihr Freund «Katzenstrick-Hans» Hans Kälin-Gyr (1892–1956). Als Sondernummer für «Hudeli-Musik» galt sicher Alois Bisig-Kälin (1885–1930). Er und seine Frau Maria (1887–1972) wirteten im «Pokal» (später neu gebaut und umbenannt in «Franziskaner») an der Einsiedler Hauptstrasse.

«Hudeli-Johann» hatte zwölf Kinder. Sechs starben im Kindesalter. Eine Tochter heirate mit Melchior Kälin (1893–1954) von der oberen Langrüti. Als talentierter Streich-Bassist spielte er in der Tanzkapelle seines Schwiegervaters in der «Hudeli-Musik» mit. So nannte man und kannte man ihn als «Hudeli-Melk». Ebenso war «Hudeli-Melk» dabei, als unser Einsiedler Musikpionier, Vater Martin Beeler-Bisig (1893–1975) seine Tanz-, Unterhaltungs- und Ländlerkapelle gründete. Vater Martin Beeler trat dann auch immer wieder weitherum zu Sechst als Ballorchester mit Deutscher Hofballmusik, Bismarckertänze, Tonblumen und so weiter auf.

Erinnert sei auch an Frau Posthalter Leny Bisig-Hensler (1901–1990), eine der drei Wirtetöchter vom «Neuhof» des Metzgermeisters Arnold Hensler («Nasli-Nöldi»). Bis ins hohe Alter pflegte und spielte sie Klavier und mit «Hudeli-Tänzen» fing sie jeweils an. In der «Ochsenmatte» pflegte die kinderreiche Familie Birchler Volksmusik und eben auch «Hudeli-Musik». Sohn Martin Birchler (1917) mit Handorgel war 1940 Mitbegründer der Tanzkapelle Martin Beeler junior.


Fans landauf und landab

Viele «Hudelimusik-Fans» existieren landauf und landab. In Trachslau war es Gerold Kälin-Trütsch (1863–1954), im «Alpenrösli» Meinrad Ernst-Schnüriger (1875–1937), in Willerzell Albert Schönbächler (1898–1985) und sein Bruder Meinrad (1900–1983, «Schlüsselwirts»), im Obergross Daniel Füchslin (1889–1974, Sägerei), ein «bäumiger» Trompeter und Klarinettist…

Anton Reichmuth-Reichmuth (1881–1929, ab «Stöcken») kaufte 1925 die «Hofstatt». Bereits 1916 bis 1924 wirtete er im «Sennhof», nächst der SOB. Sein Beruf war Schuhmacher. Während Jahrzehnten erlebte man in der «Hofstatt» gefreute, frohe Stunden. Tochter Paula (1908–1989) am Klavier und ihr Bruder Anton (1911–1969) als begabter Geiger und Sänger, spielten oft auch aus Operetten beliebte Melodien. Wenn dann Schmied-Meiers Karl (1904–1976) mitgeigte und Leo Grätzer «Löcci» (1916–1988) vom «obern Haumesser» mit seinem sonoren Tenor dazu sang, wars einfach toll. Garagist Röbi Wetzel, Briefträger Albert Merz vom «Hafner-Quartier» und Pius Marty (1908), wohnhaft in der Hofstatt, mit ihren «Schwyzer-Orgeli» sorgten immer wieder für «bodenständige Kost» im «Hofstatt-Parterre».

Im Wettbewerb zur Tanzkapelle Johann Fuchs (Einsiedeln) standen auf «Stöcken» im nachbarlichen Ybrig die Gebrüder Reichmuth («Schwyzerhöfli») gegenüber – sieben an der Zahl. Dazu Vater Anton Reichmuth-Reichmuth (1846–1930) mit Geige. Vater Stefan Reichmuth (1770–1845) gehörte zu den «Welschlandfahrern», sie trieben Vieh über den Gotthard. Zu diesen gehörten die Dettling-Jessenen, Marty-Syti, Wiget-Hirsch, die «Stöckgädeler», Schönbächler (später «Schlüssel», Willerzell), heute in sechster Generation Albert Schönbächler (1962) auf der Gueteregg oberhalb Willerzell. Jeder der sieben Brüder spielte mehr als ein Musikinstrument.


Erste Trompete in der Stadtmusik

Josef Reichmuth (1878–1918, Grippetod) besuchte um die zwei Jahre das Lehrerseminar Schwyz. Er galt als Musterschüler mit absolutem Musikgehör. Er wollte nicht Lehrer werden, sondern mit den Händen arbeiten. Sein Onkel und Götti Josef Reichmuth-Marty (1837–1905), Bauer auf der Erlen in Wollerau, wusste ihm eine sehr gute Lehrstelle als Sattler bei Arnold Kaufmann «zum Kreuz» in Schindellegi. Mit bester Note schloss er 1897 ab. Bereits am 28. Februar 1898 meldete sich Josef in Zürich an. In der Stadtmusik Zürich spielte er erste Trompete. Bereits damals in Zürich arbeitete auch sein Bruder Anton (1878–1957). Er spielte Geige und ebenso Klarinette. Als erster Holzbläser blies er mit im Stadtorchester unter der Direktion Ringeisen. Zu Zürich lernten sie Alois Amgwerd (1877–1947) aus Schwyz kennen. Er war Tramführer, Pöstler und so weiter. Die Klarinette war sein grosses Hobby. Emil Reichmuth (1881–1917), Landwirt auf der Erlen in Wollerau, spielte Geige und Klarinette. Diese Musikpioniere gründete um die Jahrhundertwende ihre erste «Innerschwyzer Ländlerkapelle» und dies in der Limmatstadt. Im «Tagblatt der Stadt Zürich» vom 17. September 1900 stand geschrieben: «‹Ländlerkapelle Gebr. Reichmuth› spielt im ‹Goldenen Schäfli› mit dem Ländlerkönig Anton Reichmuth.» Von den sieben Brüdern Reichmuth wanderten fünf aus nach San Francisco. Dort spielten sie in verschiedenen «Schwyzermusik-Formationen» zum Tanz auf. Ebenso machten alle mit im «Schwyzer Musikverein San Francisco».


«Handorgel-Wettstreit» im Ybrig


Das erste «Handorgel-Wettspiel» im Ybrig organisierte Kaspar Reichmuth, der Vater des Schreibenden, im Winter 1932. Etwas über 20 Handörgeler aus dem Ybrig machten mit. Aus Einsiedeln rückten an: Andreas Birchler zur Melone, Karl Kälin (1911–1984) Rüti, «Säckelmeisters-Kari», Meinrad Schönbächler (1900–1983), Willerzell «Schlüssel-Meiri» und Franz Steinauer (1909–1974), «Chalcher-Franz», Euthal. Der älteste Spieler war Meinrad Lagler («Twingi-Meiri») mit seinem zweibässigen «Landauerli»; er zählte 69 Jahre. Als jüngster Konkurrent stieg der neunjährige «Chrüsi-Sepp» Fuchs auf die «Geigenbank».

An einem Januar-Sonntag 1940 spielten die Schwester des Schreibenden aus Bachenbülach und er selbst am Klavier den Gästen auf. Zwei neue Gäste traten ein, ihre Velos platzierten sie neben dem Restaurant. Wir spielten gerade von Walter Wild «Grüss mir Lugano». Der grössere der Neuankömmlinge entnahm seinem Rucksack die B-Klarinette und spielte mit. So lernten wir Martin Beeler (1920) kennen, um dann immer wieder zusammen zu musizieren. Martin gründete 1940 seine «Ländlerkapelle Martin Beeler junior». Bereits 1942 erfolgte die erste Aufnahme auf Schallplatte, meistens Martins eigene Kompositionen. Karl Blunschy (1908–1963) Einsiedler Radiohaus, vertrieb die Neuaufnahme zu Franken 3.80 pro Platte.


Artur Beul und Martin Beeler

Unvergesslich blieb der «Artur Beul-Abend» mit den «Geschwistern Schmid» aus dem Jahre 1945 – damals noch im Hotel «Taube». Zur Eröffnung und nach den Bühnenauftritten gab es Tanz mit Martin Beeler (1920-2008). Artur Beul (1915) von Lachen, aufgewachsen in Einsiedeln, verliess 1945 das Klosterdorf. Sein Vater, Hermann Beul-Treichler (1878) starb zu Einsiedeln. Er war Kunstmaler. Über 20 Kirchen malte er aus; so auch in Unteriberg unser «Hirsch-Kirchlein» mit dem schönen Altarbild «Maria Himmelfahrt».

Martin Birchler (1917) verbesserte sich beruflich und wechselte zur Calendaria nach Immensee. Fridolin Feldmann (1913–1972, Musikschule und Verlag in Uznach und Lachen) rückte nach als erstklassiger Akkordeonist. Viele seiner beliebten Eigenkompositionen gehörten zu unserem Repertoire. Seine berufliche Beanspruchung zwang ihn immer wieder zu Absagen. Wir hatten Glück mit den Rothenthurmern Franz Karl Schuler und seinem Bruder Alois (1916–2002) am Klavier-Akkordeon. Auch unser Streichbassist «Hudeli-Melk» sah sich gezwungen zurückzutreten. Es schloss sich uns Hans Müller-Marty aus Schindellegi an. Ebenso eine «zünpftige» Aushilfe aus Schindellegi war Karl Nauer (1910–1984) ab dem Rossberg. Das Musikmachen war den Nauers in die Wiege gelegt. Wie oft trug Karl Nauer auf dem Schwyzerörgeli Tangos im südamerikanischen Rhythmus vor. Die Nauer stammen ursprünglich aus Appenzell. Sie liessen sich gegen 1629 im «Schwyzer-Altviertel» nieder. Dazu gehörte das «Ybrig». Die Nauer erhielten das Ybriger Bürgerrecht. Und eben vom Ybrig aus siedelten sie sich auch im nachbarlichen Einsiedeln an.

Aushilfsweise sprang immer wieder Alfred Marty (1926–2004) vom Horgenberg (Einsiedeln) als versierter Akkordeonist ein. Fredys Bruder Jost (1920–1988) machte sich seinen Namen als Gründer und jahrelanger Leiter der Kernser Singbuben.

 

Linl Martin Beeler


«Das ganze Jahr keine Tschöpen»


Schon früh tanzte man im Ybrig. Unser Mitbürger Alois Dettling (1865–1934), von Beruf Lehrer und später Staatsarchivar (Schwyz-Seewen) hält doch in seiner «Ybriger Chronik» unter anderm fest: «Die Leute sind hier hart erzogen. Es sey denn, dass es regne, tragen sie das ganze Jahre keine Tschöpen.» Unser Chronist hatte zwei Geschwister. Balz Dettling-Fuchs (1868–1940) Bauer und Gastwirt sowie Anna (1870–1951). Sie heiratete Augustin Marty von Unteriberg-Syti. Sie ist die Grossmutter von Dominik Marty-Kündig (1936, «Hirschi», Schwyz). Viele Jahre trat «Syti-Domini» auf als passionierter Streichbassist, als Jodler und völkstümlicher Unterhalter. Wer kennt ihn nicht, unseren «Syti-Domini», voller Frohheit, Spass und Mutterwitz. Sicher nicht umsonst, hat er einen Anteil bestimmt in die Wiege mitbekommen. In einer seiner Rückblenden erinnert sich «Syti-Domini», dass die Schwyzer «reiche» Frauen, die Muotataler «schöne» Frauen und die Ybriger sich «fröhliche» Frauen aussuchten. «Syti-Domini» ist Bauer auf der «Hirschi» zu Schwyz, die sein Grossvater auf Syti in Unteriberg 1926 käuflich erwarb. In seinem ans Herz gewachsenen Schwyz pflegt und unterhält «Domini» einen kleinen Weinberg. Wer bei ihm zu Gast weilt, mit dem stösst er mit seinem «Hirschi-Tropfen» zum Wohle an. Unser Bundesbriefmuseum an der Bahnhofstrasse Schwyz steht auf Hirschi-Boden. 1935 stellte Dominiks Vater von Unteriberg-Syti das erforderliche Areal dem Staat zur Verfügung. «Syti-Domini» verfügt über weites Wissen und über eine bedeutende Bibliothek von Seiten seines Grossonkels, alt Staatsarchivar Alois Dettling.

Im «obern» Yberg in der Tschalun, waren es «Stynis», Balz Holdener-Fuchs (1873–1950) mit seinen Leuten. Schon sein Vater Augustin musizierte. Im «sonnigsten» Raum des Ybrig, oben in der «Michelmatt» waren es die «Michelmättler» mit einer eigenen Tanzkapelle. Vorab Melchior Marty-Fässler (1852–1923) «Michelmatt-Melk». Sein Bruder Werner Marty-Müller (1856–1935) war ein talentierter Posaunist. Ein weiterer Spross der «Michelmättler», zwar indirekt, ist Werner Marty (1923, Arth). Während Jahren begeisterte Werner mit seiner klangvollen Stimme an der Arther-Theaterbühne. Eine weitere Künstler-Natur der «Michelmatt-Linie» ist sicher Fritz Marty (1950) auf «Stolzboden»-Oberiberg. Am «Grossen Welttheater» zu Einsiedeln auf dem Klosterplatz 1987 und 1992 spielte Fritz unter Dieter Bitterli, überzeugt und markant den Bauer.

Im Sommer 1937 freuten sich Musikfreunde aus Wollerau in unserer Alphütte auf der «Käsernalp» sich zu frohen Stunden einzufinden. Franz Reichmuth (1909–1978) galt als Initiant und Reiseleiter. Es waren Louis Fornoni (1890–1958), Joachim Galler (1881–1939) und Alois Kolb (1896–1937) dabei. Die 1932 eröffnete Bergstrasse wies mehrere Gatter auf. Diese mussten auf- und zugemacht werden, was Alois Kolb besorgte. Der letzte Gatter bergseits wurde ihm zum Verhängnis; er stürzte und streifte mit dem Felsen, was zu seinem Tode führte.

Diese Rückschau ist unvollständig. Insbesondere fürs Ybrig drängen sich Ergänzungen auf. Mehrere Originalfotos von 1899 bis 1918 sind im Besitze des Schreibenden. Vergrösserungen davon stellte er seinem Musikfreund Martin Beeler-Schuler, dem Kapellmeister aus Einsiedeln, zur Verfügung.


Hudelimusik : Einsiedeln

Bildlegende:

Eine Aufnahme, datierend um 1900, zeigt die Kapelle Josef Reichmuth (von links): Josef Reichmuth (1878-1918), Alois Amgwerd (1877 – 1948) sowie Emil Reichmuth (1882 – 1917). Der Bassgeiger ist unbekannt. Foto: Archiv Kaspar Reichmuth






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